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Chalkaholics

Yosemite Decimal System: warum 5.10 schwerer ist als 5.9

Wie die amerikanische Skala aufgebaut ist, warum die Zahl nach dem Punkt keine Kommastelle ist, was G, PG, R und X bedeuten und woher sie stammt.

Stand: 27. Juli 2026

5.10 ist nicht 5.1

Keine andere Kletterskala wird so zuverlässig falsch gelesen. Das Yosemite Decimal System heißt „decimal“, sieht aus wie eine Kommazahl — und ist keine. Auf 5.9 folgt 5.10, dann 5.11, dann 5.12. Rechnerisch wäre 5.10 kleiner als 5.9; als Grad ist es eine ganze Stufe darüber.

Der Grund steht im Aufbau: Die Zahl vor dem Punkt ist eine Geländeklasse, die Zahl dahinter eine fortlaufende Nummer innerhalb dieser Klasse. Der Punkt trennt zwei Angaben, er markiert keine Nachkommastelle. Gesprochen wird deshalb „five ten“ und nicht „fünf Komma zehn“ — und wer YDS-Grade in eine Tabellenkalkulation kippt, bekommt 5.10 sortiert vor 5.9, weil das Programm rechnet, was der Mensch nicht meint.

Erst eine Skala fürs Gelände, dann eine fürs Klettern

Das System beginnt nicht am Fels, sondern am Wanderweg. Es teilt Gelände in fünf Klassen ein, und erst die fünfte ist Kletterei im engeren Sinn.

KlasseWas sie beschreibt
Klasse 1Wandern oder Laufen auf einem Weg.
Klasse 2Einfaches Steigen im Gelände, bei dem gelegentlich die Hände zu Hilfe genommen werden.
Klasse 3Steigen, bei dem ein Seil nützlich sein kann.
Klasse 4Einfaches Klettern, unter Umständen ausgesetzt. Häufig wird ein Seil verwendet; ein Sturz kann tödlich enden.
Klasse 5Technisches Freiklettern am Seil, mit Sicherung. Ein Sturz ohne Seil kann schwere Verletzungen oder den Tod zur Folge haben.

Alles, was in einer Kletterhalle hängt, ist Klasse 5. Deshalb beginnt jeder Hallengrad mit einer Fünf, und deshalb ändert sich diese Fünf nie. Sie sagt nicht, wie schwer die Route ist — sie sagt, dass es überhaupt eine Route ist.

Zehn Routen an einem Felsen in Südkalifornien

In den 1950er Jahren verfeinerten Mitglieder des Sierra Club in Südkalifornien ein älteres System aus den 1930er Jahren. Royal Robbins, Don Wilson und Chuck Wilts unterteilten die fünfte Klasse dezimal: 5.0, 5.1 und so weiter bis 5.9.

Verankert wurde diese Unterteilung an zehn Routen am Tahquitz Rock — von „The Trough“ aus dem Jahr 1936 als 5.0 bis „Open Book“, das Royal Robbins und Don Wilson 1952 frei kletterten, als 5.9. Bekannt gemacht wurden die Bewertungen zunächst über vervielfältigte Rundschreiben der Kletterabteilung der Sierra-Club-Ortsgruppe Los Angeles; systematisch dargestellt wurden sie erstmals 1956, im Tahquitz-Führer von Chuck Wilts.

Das ist der bemerkenswerteste Zug dieser Skala: Sie wurde nicht aus Definitionen abgeleitet wie die UIAA-Skala, sondern aus konkreten Routen. Der Maßstab war nicht eine Beschreibung, sondern ein Felsen, an dem alle Beteiligten geklettert waren.

Der Name ist falsch — und das ist bekannt

Entstanden und vereinheitlicht wurde die Skala in Tahquitz, nicht im Yosemite Valley. Mark Powell brachte sie ungefähr zur selben Zeit dorthin, und weil das Yosemite Valley in den folgenden Jahrzehnten zum bekanntesten Klettergebiet der Welt wurde, blieb sein Name an der Skala hängen.

Vorher hieß sie schlicht „Southern California system“ oder „Wilts-Sierra system“. Beide Bezeichnungen wären zutreffender; keine hat sich gehalten. Skalen werden nach dem benannt, was Aufmerksamkeit bekommt, nicht nach dem, wo sie herkommen.

Auch hier war bei 5.9 Schluss gedacht

Open Book bekam die 5.9, weil es damals als die schwerste Kletterei galt, die ein Mensch ohne Hilfsmittel bewältigen kann. Die Skala war damit oben zu — genauso wie die UIAA-Skala beim sechsten Grad, und mit demselben Ergebnis: Sie wurde überklettert.

Zuerst behalf man sich mit 5.9− und 5.9+. Als auch das nicht mehr reichte, kam 5.10 — und damit war die Dezimallogik erledigt, die dem System seinen Namen gegeben hatte. Die Skala hat ihre eigene Arithmetik geopfert, um nicht bei 5.9 stehen bleiben zu müssen. Diesen Bruch trägt sie bis heute sichtbar mit sich herum.

Weil sich anschließend besonders viele Routen bei 5.10 stauten, kamen in den frühen 1970er Jahren die Nachsilben dazu: Ab 5.10 wird mit den Buchstaben a, b, c und d weiter unterteilt. Vier Stufen je Zahl — darunter, bis 5.9, gibt es diese Feinstufung nicht.

Die Zahl ist nur ein Drittel der Angabe

Das YDS ist ein dreiteiliges System. Im deutschsprachigen Raum wird fast immer nur der erste Teil zitiert — die Zahl. Die beiden anderen Teile beantworten Fragen, die keine der europäischen Skalen überhaupt stellt: wie schlecht die Absicherung ist und wie lange die Sache dauert.

Zweitens: die Absicherung. 1980 führte Jim Erickson Kürzel ein, die nicht die Schwierigkeit beschreiben, sondern was ein Sturz bedeutet.

KürzelWas es bedeutet
GGute, verlässliche Absicherung.
PGAusreichende Absicherung mit begrenztem Sturzpotenzial.
RUnzureichende Absicherung — ein Sturz führt wahrscheinlich zu Verletzungen.
XKeine Absicherung — ein Sturz endet wahrscheinlich tödlich.

Ein 5.10a X und ein 5.10a G verlangen dieselben Bewegungen. Die eine Route ist ein Trainingstag, die andere eine Entscheidung. Genau diese Unterscheidung fehlt der französischen Skala vollständig, die ausschließlich die Klettertechnik bewertet.

Drittens: der Aufwand. Römische Ziffern geben an, wie viel Zeit eine Route verlangt: I und II für einen halben Tag oder weniger im technischen Teil, III für den größten Teil eines Tages am Seil, IV für einen vollen Tag technischer Kletterei, V für eine Route, die üblicherweise eine Übernachtung erfordert oder schnell und frei an einem Tag geklettert wird, VI für zwei oder mehr Tage schwerer Kletterei und VII für abgelegene Wände im Alpinstil. Eine vollständige Angabe kann also aus römischer Ziffer, Zahlengrad und Absicherungskürzel bestehen.

Wer nur mit europäischen Skalen groß geworden ist, hält eine römische Ziffer vor einem YDS-Grad leicht für einen UIAA-Grad. Sie ist keiner — sie sagt nichts über die Schwierigkeit, sondern über die Dauer. Getrennt davon existiert für technisches Klettern noch eine eigene Reihe von A0 bis A5, die sich nach Anzahl und Güte der Hakenplatzierungen richtet; wird eine solche Route ohne Hammer begangen, tritt an die Stelle des „A“ ein „C“.

Nach oben offen: 5.15d

Der derzeit höchste vergebene Grad ist 5.15d. Er steht an drei Routen: Silence, 2017 von Adam Ondra erstbegangen, DNA von Sébastien Bouin aus dem Jahr 2022 und B.I.G. von Jakob Schubert aus 2023. Wiederholt wurde bislang keine der drei.

Drei unwiederholte Routen an der Spitze heißen: Die oberste Stufe dieser Skala besteht aus drei Einzelmeinungen, die sich gegenseitig nicht bestätigen können. Das ist kein Vorwurf an die Skala, sondern liegt in der Natur der Sache — ein Grad wird erst durch eine zweite Begehung zu einem Maßstab.

Wo dir die Skala heute begegnet

Vor allem in den Vereinigten Staaten und in Kanada, dort aber durchgängig — von der Halle bis zur Wand im Yosemite Valley. Außerhalb Nordamerikas begegnet dir das YDS meist in Reiseführern, in Videoberichten und in den Zahlen, mit denen internationale Begehungen gemeldet werden.

Für die Umrechnung gilt dasselbe wie bei den anderen Skalen: Sie ist eine Näherung, und an manchen Stellen weist die Referenztabelle zwischen zwei YDS-Werten keinen eigenen Grad der Gegenseite aus. Welcher Wert welchem entspricht, steht vollständig im Klettergrad-Umrechner — mit Spannen dort, wo die Tabelle keinen Einzelwert hergibt.

Häufige Fragen

Ist 5.10 leichter als 5.9?
Nein, schwerer — und das ist der häufigste Irrtum bei dieser Skala. Die Zahl nach dem Punkt ist keine Nachkommastelle, sondern eine fortlaufende Nummer. Auf 5.9 folgt deshalb 5.10, dann 5.11 und so weiter. Gelesen wird „five ten“, nicht „fünf Komma zehn“. Rechnerisch wäre 5.10 kleiner als 5.9; als Grad ist es eine ganze Stufe darüber.
Was bedeutet die 5 vor dem Punkt?
Sie steht für die fünfte Klasse des Systems — technisches Freiklettern am Seil. Davor liegen vier Klassen für Gelände: Wandern, einfaches Steigen mit gelegentlichem Handeinsatz, Steigen mit gelegentlichem Seil und einfaches Klettern. Alles, was in einer Kletterhalle hängt, ist Klasse 5; die Zahl davor ändert sich nie.
Was heißt R oder X hinter einem Grad?
Das sind Absicherungsangaben, keine Schwierigkeitsangaben. G steht für gute Absicherung, PG für ausreichende, R für unzureichende — dort führt ein Sturz wahrscheinlich zu Verletzungen — und X für gar keine, wo ein Sturz wahrscheinlich tödlich endet. Diese Kürzel wurden 1980 von Jim Erickson eingeführt. Ein 5.10a X ist klettertechnisch dasselbe wie ein 5.10a G und trotzdem eine völlig andere Unternehmung.
Warum heißt es Yosemite, wenn es aus Tahquitz kommt?
Weil sich der Name durchgesetzt hat, nicht weil er zutrifft. Entwickelt und vereinheitlicht wurde die Skala am Tahquitz Rock in Südkalifornien. Mark Powell brachte sie ungefähr zur selben Zeit ins Yosemite Valley, und weil dieses Gebiet international bekannt wurde, blieb sein Name an der Skala hängen. Früher hieß sie auch „Southern California system“ oder „Wilts-Sierra system“.
Wie weit geht die Skala nach oben?
Sie ist nach oben offen. Der derzeit höchste vergebene Grad ist 5.15d. Er steht an drei Routen: Silence von Adam Ondra aus dem Jahr 2017, DNA von Sébastien Bouin aus 2022 und B.I.G. von Jakob Schubert aus 2023. Wiederholt wurde bislang keine davon.

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Auch 5.11c gehört in deinen Verlauf

Wer im Urlaub in den Vereinigten Staaten klettert, hat plötzlich Begehungen in einer Skala, die zu Hause niemand verwendet. In Chalkaholics trägst du den Grad ein, der an der Route stand — und siehst deinen Verlauf trotzdem über alle Reisen und Jahre hinweg an einem Stück.

Quellen

Alle Zahlen auf dieser Seite stammen aus den folgenden Veröffentlichungen. Nichts davon ist geschätzt.

  1. Wikipedia: Yosemite Decimal System.Die Entwicklung durch Mitglieder des Sierra Club in Südkalifornien in den 1950er Jahren als Verfeinerung älterer Systeme aus den 1930er Jahren; den Satz „Royal Robbins, Don Wilson, and Chuck Wilts came up with a decimal subdivision of the fifth class“ und die Unterteilung von 5.0 bis 5.9; die Verankerung an zehn Routen am Tahquitz Rock, von „The Trough“ (1936) bei 5.0 bis „Open Book“ (1952) bei 5.9, das damals als die schwerste dem Menschen mögliche Kletterei ohne Hilfsmittel galt; die Verbreitung der Bewertungen über vervielfältigte Rundschreiben der Rock Climbing Section des Angeles Chapter des Sierra Club und die erste systematische Darstellung im Führer von Wilts für Tahquitz aus dem Jahr 1956; die früheren Bezeichnungen „Southern California“ und „Wilts-Sierra system“ sowie den Umstand, dass Mark Powell die Skala ins Yosemite Valley brachte, obwohl sie in Tahquitz entstand; die Wortlaute der Klassen 1 bis 5; die Unterteilung ab 5.10 mit den Nachsilben „a“ bis „d“ seit den frühen 1970er Jahren; die Einführung der Absicherungsangaben G, PG, R und X durch Jim Erickson im Jahr 1980 samt ihren Bedeutungen; sowie den derzeit höchsten Grad 5.15d an den drei Routen Silence (Adam Ondra, 2017), DNA (Sébastien Bouin, 2022) und B.I.G. (Jakob Schubert, 2023), von denen keine wiederholt wurde.
  2. Wikipedia: Grade (climbing).Die Zeitangaben des National Climbing Classification System in römischen Ziffern — Grad I und II für einen halben Tag oder weniger im technischen Teil, III für den größten Teil eines Tages am Seil, IV für einen vollen Tag technischer Kletterei, V für eine Route, die üblicherweise eine Übernachtung verlangt oder schnell und frei an einem Tag geklettert wird, VI für zwei oder mehr Tage schwerer Kletterei und VII für abgelegene Wände im Alpinstil; sowie die Skalen für technisches Klettern von A0 bis A5 nach Anzahl und Güte der Hakenplatzierungen, ihre spätere Erweiterung samt Zwischenstufen mit „+“ und die Ersetzung des „A“ durch ein „C“, wenn eine Route ohne Hammer begangen wird.
  3. Wikipedia: Schwierigkeitsskala (Klettern).Die Beschreibung des Yosemite Decimal System als dreiteiliges System zur Bewertung von Wanderungen, Bergtouren und Klettereien; die Feststellung, dass es vor allem in den Vereinigten Staaten und Kanada verwendet wird; die Unterteilung der Klasse 5 in die Unterklassen 5.0 bis 5.15 und die weitere Unterteilung der Bewertungen oberhalb von 5.9 mit den Nachsilben „a“ bis „d“, zum Beispiel 5.10b oder 5.15c; sowie die Einordnung des YDS neben der französischen und der UIAA-Skala als eine der überregional gebräuchlichen Skalen.
  4. Wikipedia: Open Book (climb).Die Lage der Route am Tahquitz Rock im Riverside County in Kalifornien; die erste freie Begehung durch Royal Robbins und Don Wilson im Jahr 1952; die Einstufung als erste jemals mit 5.9 bewertete Route und die Einordnung, dass sie damals zu den schwersten freien Begehungen des Landes zählte.