Bouldergrade erklärt: Fontainebleau- und V-Skala
Woher die Fontainebleau- und die V-Skala kommen, warum Font 7A nicht französisch 7a ist und wie Bouldergrade in der Halle zustande kommen.
Stand: 27. Juli 2026
Ein Bouldergrad bewertet Züge, keine Länge
Boulderskalen beschreiben die technische Schwierigkeit der Bewegungen — und sonst nichts. Kein Risikoanteil, keine Absicherung, keine Ausdauer über eine Seillänge. Ein Boulder besteht aus wenigen, dafür sehr schweren Zügen; eine Seilroute aus vielen leichteren hintereinander.
Das klingt nach einer Feinheit, hat aber eine harte Folge: Boulder- und Seilkletterngrade messen nicht dasselbe und lassen sich nicht ineinander umrechnen. Wer beides in dieselbe Tabelle schreibt, rechnet systematisch falsch — und wer seine Zahlen aus beiden Welten zusammenzählt, addiert Dinge, die nichts miteinander zu tun haben.
Zwei Skalen, mehr brauchst du nicht
Weltweit gibt es mehr Systeme, im Alltag begegnen dir zwei. Welches in deiner Halle hängt, hängt schlicht davon ab, an welcher Tradition sie sich orientiert.
| Skala | Herkunft | Verbreitet in | Aufbau |
|---|---|---|---|
| Fontainebleau (Fb) | Wald von Fontainebleau südlich von Paris | Europa, Russland, Asien und Südafrika | Beginnt bei 1 und steigt in Einerschritten, „+“ als Zwischenstufe; ab Grad 6 zusätzlich die Großbuchstaben A, B und C: 6A, 6A+, 6B |
| V-Skala (Hueco-Skala) | Vereinigte Staaten | Nordamerika | Beginnt bei V0, für Anfängerboulder wird auch VB verwendet; danach ganze Zahlen ohne Zwischenstufen: V1, V2, V3 |
Beide Skalen sind nach oben offen. Welcher Font-Grad welchem V-Grad entspricht, steht vollständig im Klettergrad-Umrechner — hier stünde dieselbe Tabelle ein zweites Mal, und zwei Tabellen können nur auseinanderlaufen.
Woher die Fontainebleau-Skala kommt
Im Wald von Fontainebleau südlich von Paris liegen Sandsteinblöcke im Wald verstreut. Schon die Mitglieder des 1874 gegründeten Club Alpin Français übten dort für die Alpen — Bouldern war zu diesem Zeitpunkt kein eigener Sport, sondern Training für die Berge.
1947 erfand Fred Bernik dort den Boulder-Parcours: eine Aneinanderreihung von bis zu 50 Bouldern, durchnummeriert, farblich gekennzeichnet und hintereinander durchgeklettert. Wer heute in einer Halle einen „Circuit“ in einer Griffarbe klettert, folgt einer Idee, die in diesem Wald entstanden ist.
Die Skala selbst lässt sich bis mindestens 1960 zurückverfolgen, zu „L’Abbatoir“ von Michel Libert. Sie beginnt bei 1 und steigt in Einerschritten, dazwischen steht ein „+“ für eine feinere Abstufung. Ab Grad 6 kommen die Großbuchstaben A, B und C hinzu — so entsteht die Reihe 6A, 6A+, 6B, 6B+, 6C. Der deutschsprachige Übersichtsartikel unterscheidet dabei zusätzlich Fb-Bloc für einzelne Boulder und Fb-Trav für Traversen. Heute wird die Skala in Europa, Russland, Asien und Südafrika verwendet.
Woher die V-Skala kommt
Die amerikanische Linie beginnt mit John Gill, der häufig als Vater des modernen Boulderns bezeichnet wird. Ende der 1950er-Jahre verband er Turnen mit Klettern, führte Magnesia zum Trockenhalten der Hände ein, propagierte einen dynamischen Bewegungsstil und betonte Krafttraining. Sein Aufsatz „The Art of Bouldering“ erschien 1969 im Journal of the American Alpine Club und gilt als Gründungstext der Disziplin.
Gills Bewertungssystem war allerdings geschlossen: B1 bezeichnete Boulder, die so schwer waren wie die schwersten Seilrouten seiner Zeit, B2 war schwerer, B3 stand für einen Boulder, der bisher genau einmal geklettert worden war. Ein solches System hat einen eingebauten Widerspruch — es misst den Stand des Sports an sich selbst und verschiebt sich, sobald jemand besser klettert.
1991 veröffentlichte John „Verm“ Sherman im „Hueco Tanks Climbing and Bouldering Guide“ die V-Skala. Sie ist nach oben offen, beginnt bei V0 und kennt für Anfängerboulder zusätzlich VB. Anders als Fontainebleau arbeitet sie im unteren Bereich ohne Zwischenstufen: auf V1 folgt V2, nicht V1+. Die derzeit höchste vergebene Bewertung ist V17.
Der häufigste Irrtum: 7A ist nicht 7a
Fontainebleau und die französische Sportkletterskala stammen beide aus Frankreich und verwenden dieselben Ziffern. Unterschieden werden sie nur durch die Schreibweise des Buchstabens: Beim Bouldern steht er groß, im Sportklettern klein. Font 7A ist ein Boulder, französisch 7a ist eine Seilroute, und die beiden liegen deutlich auseinander.
Genau deshalb steht auf dieser Seite keine Gegenüberstellung von Boulder- und Seilkletterngraden. Es gibt Tabellen, die eine anbieten — sie bezeichnen sich selbst allerdings als lediglich andeutend und räumen ein, dass die Zuordnung um mehrere Stufen schwanken kann. Eine Zahl, die um mehrere Stufen daneben liegen darf, ist keine Antwort.
Wo Fontainebleau und die V-Skala auseinandergehen
Innerhalb des Boulderns lassen sich die beiden Skalen dagegen vergleichen, und zwar besser als die Seilkletterskalen untereinander: Ab 7C beziehungsweise V9 stimmen sie genau überein. Darunter ist Fontainebleau feiner gestuft — es kennt Zwischenstufen, für die die V-Skala keinen eigenen Wert hat.
Der Umrechner zeigt an solchen Stellen deshalb keinen einzelnen Wert, sondern beide Nachbarn. Das sieht nach einer Schwäche aus, ist aber die ehrlichere Angabe: Eine Spanne behauptet genau so viel, wie die Skala hergibt.
Wer den Grad festlegt
Am Anfang steht ein Vorschlag des Erstbegehers. Verbindlich wird er erst durch den Konsens derer, die nachklettern. Wie lange das dauern kann, zeigt der derzeit schwerste Boulder der Welt: Nalle Hukkataival kletterte „Burden of Dreams“ in Lappnor bei Loviisa in Finnland am 23. Oktober 2016, nach vier Jahren Arbeit daran, und schlug 9A beziehungsweise V17 vor — die weltweit erste Bewertung dieser Stufe, nachdem zuvor 8C+ das Höchste war.
Bestätigt wurde der Grad erst sechseinhalb Jahre später: Will Bosi gelang am 12. April 2023 die erste Wiederholung. Danach folgten weitere Begehungen — und im Mai 2026 stufte Noah Wheeler den Boulder als „weiches“ 9A ein. Genau das ist der Konsens bei der Arbeit: Ein Grad ohne Wiederholung ist ein Vorschlag, und auch danach bleibt er verhandelbar.
Hinzu kommt etwas, das keine Skala auflösen kann: Körpergröße, Armlänge, Beweglichkeit und andere körperliche Merkmale beeinflussen, wie schwer ein Boulder für eine bestimmte Person ausfällt. Einzelne Bewertungen sind deshalb häufig umstritten, ohne dass eine Seite unrecht hätte.
In der Halle gilt eine eigene Rechnung
In Boulderhallen erfolgt die Bewertung meist über die Farbe der Griffe oder über Kärtchen, die an den Griffen hängen. Manche Hallen fassen Boulder zu „Circuits“ zusammen: eine Gruppe gleichen Grades oder ein Bereich über zwei bis drei Grade, häufig an einer einzigen Griffarbe erkennbar. Die Grade dahinter orientieren sich an denselben Skalen wie am Fels.
Zwei Einschränkungen solltest du kennen. Erstens gelten Hallenboulder bis etwa V10 beziehungsweise Font 7C+ als weicher bewertet als vergleichbare Boulder draußen; oberhalb dieses Bereichs verliert sich der Unterschied. Zweitens unterscheiden sich Hallen untereinander: Der britische Dachverband hält ausdrücklich fest, dass ein Grad sowohl von der kletternden als auch von der schraubenden Person abhängt und sich kaum vereinheitlichen lässt — meistens fühlen sich Grade von Halle zu Halle ähnlich an, verlassen kann man sich darauf nicht.
Ein Hallenwechsel verschiebt deine gewohnten Zahlen also, ohne dass sich an deiner Leistung etwas geändert hätte. Das ist kein Rückschritt, sondern ein anderer Maßstab.
Häufige Fragen
- Was bedeutet das Plus in einem Fontainebleau-Grad?
- Es ist eine Zwischenstufe. Die Fontainebleau-Skala beginnt bei 1 und steigt in Einerschritten; das „+“ schiebt eine feinere Abstufung dazwischen, also 6A, dann 6A+, dann 6B. Ab Grad 6 kommen zusätzlich die Großbuchstaben A, B und C hinzu. Dadurch ist Fontainebleau im unteren und mittleren Bereich deutlich feiner gestuft als die V-Skala, die dort nur ganze Zahlen kennt.
- Warum schreibt man Font-Grade groß und französische Sportgrade klein?
- Weil es zwei verschiedene Skalen sind, die zufällig dieselben Ziffern verwenden. Fontainebleau bewertet Boulder und setzt den Buchstaben groß: 6A, 7A, 8A. Die französische Sportkletterskala bewertet Seilrouten und setzt ihn klein: 6a, 7a, 8a. Font 7A und französisch 7a sind nicht dasselbe und liegen deutlich auseinander. Das ist die häufigste Verwechslung beim Lesen von Topos und Hallenbeschriftungen.
- Kann ich meinen Bouldergrad in einen Routengrad umrechnen?
- Nicht sinnvoll, und diese Seite nennt deshalb auch keinen Wert dafür. Bouldergrade bewerten die technische Schwierigkeit weniger Züge, Routengrade eine Abfolge vieler leichterer Züge über eine ganze Seillänge. Die Quellen, die trotzdem Gegenüberstellungen anbieten, bezeichnen sie selbst als bloß andeutend und um mehrere Stufen schwankend. Der Klettergrad-Umrechner auf dieser Seite trennt Bouldern und Seilklettern deshalb strikt und rechnet nur innerhalb einer Disziplin um.
- Warum fühlt sich derselbe Grad draußen schwerer an als drinnen?
- Weil Hallenboulder bis etwa V10 beziehungsweise Font 7C+ als weicher bewertet gelten als vergleichbare Boulder am Fels. Oberhalb dieses Bereichs verliert sich der Unterschied, weil die meisten Kletternden dann ohnehin Erfahrung draußen haben. Hinzu kommt, dass Hallen sich untereinander unterscheiden: Ein Grad hängt sowohl von der kletternden als auch von der schraubenden Person ab und lässt sich kaum vereinheitlichen.
- Warum finden zwei Leute denselben Boulder unterschiedlich schwer?
- Weil ein Bouldergrad nicht nur die Züge beschreibt, sondern immer auch das Verhältnis zwischen den Zügen und einem Körper. Körpergröße, Armlänge, Beweglichkeit und andere körperliche Merkmale beeinflussen, wie schwer ein Boulder für eine bestimmte Person ausfällt. Einzelne Bewertungen sind deshalb häufig umstritten — auch dann, wenn alle Beteiligten gleich gut klettern.
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Klettergrade erklärt
Der Überblick über alle fünf Skalen: woher sie kommen, wo sie sich unterscheiden und warum jede Umrechnung eine Näherung bleibt.
Klettergrad-Umrechner
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UIAA-Skala
Die Gegenseite: die Skala für Seilrouten im Alpenraum, in römischen Ziffern — und der Grund, warum sie sich nicht mit Bouldergraden vergleichen lässt.
Französische Skala
Die Skala, mit der Font ständig verwechselt wird: klein geschrieben, fürs Seilklettern — und mit dem Präfix „f“, wenn es eindeutig sein muss.
Boulder und Routen getrennt mitschreiben
Weil Boulder- und Seilkletterngrade nichts miteinander zu tun haben, gehören sie auch im Logbuch nicht in denselben Topf. In Chalkaholics trägst du deine Begehungen in der Skala ein, die deine Halle verwendet, und siehst deinen Verlauf je Disziplin getrennt.
Quellen
Alle Zahlen auf dieser Seite stammen aus den folgenden Veröffentlichungen. Nichts davon ist geschätzt.
- Wikipedia: Grade (bouldering).Dass Boulderskalen die technische Schwierigkeit der Züge ohne Risikoanteil bewerten; den Aufbau der Fontainebleau-Skala (Beginn bei 1, Einerschritte, „+“ als Zwischenstufe, Großbuchstaben A, B, C ab Grad 6) und ihre Rückverfolgbarkeit bis mindestens 1960 zu „L’Abbatoir“ von Michel Libert; die Erstveröffentlichung der V-Skala 1991 durch John „Verm“ Sherman im „Hueco Tanks Climbing and Bouldering Guide“, ihren Beginn bei V0 samt VB für Anfängerboulder und ihre offene Spitze bei V17; dass beide Skalen ab V9 beziehungsweise 7C genau übereinstimmen; dass der Erstbegeher einen Grad vorschlägt, dieser aber nach dem Konsens der Wiederholungen korrigiert wird; dass Boulder in Hallen bis etwa V10 beziehungsweise Font 7C+ weicher bewertet erscheinen als draußen; und dass Gegenüberstellungen mit Seilkletterskalen um mehrere Stufen schwanken können und nur andeutend sind.
- Wikipedia: Bouldering.Bouldern als ursprüngliche Trainingsform für Seilrouten und Bergsteigen und seine Entwicklung zur eigenen Disziplin; John Gill als „Vater des modernen Boulderns“, der Ende der 1950er-Jahre Turnen und Klettern verband, Magnesia einführte, einen dynamischen Stil und Krafttraining betonte und 1969 den Aufsatz „The Art of Bouldering“ im Journal of the American Alpine Club veröffentlichte; sein geschlossenes B1/B2/B3-System und dessen Definitionen; dass Körpergröße, Armlänge, Beweglichkeit und andere körperliche Merkmale die Schwierigkeit beeinflussen und Bewertungen deshalb oft umstritten sind; sowie farbiges Klebeband beziehungsweise Grifffarben als Kennzeichnung in Hallen und die Verwendung von VB für Anfängerboulder.
- Wikipedia: Bouldern.Die Gründung des Club Alpin Français 1874, dessen Mitglieder an den Sandsteinblöcken im Wald von Fontainebleau für die Alpen übten; die Erfindung des Boulder-Parcours 1947 durch Fred Bernik als Aneinanderreihung von bis zu 50 Bouldern, die durchnummeriert, farblich gekennzeichnet und hintereinander durchgeklettert werden; die Verbreitung der Fontainebleau-Skala in Europa, Russland, Asien und Südafrika; sowie die Bewertung in Boulderhallen über Grifffarben oder an den Griffen angebrachte Kärtchen.
- Wikipedia: Burden of Dreams (climb).Lage in Lappnor bei Loviisa in Finnland; die Erstbegehung durch Nalle Hukkataival am 23. Oktober 2016 nach vier Jahren Arbeit an dem Boulder; die Bewertung 9A (V17) als weltweit erste dieser Stufe, nachdem zuvor 8C+ (V16) die höchste war; die erste Wiederholung durch Will Bosi am 12. April 2023, die den Grad bestätigte; die weiteren Begehungen bis 2026 und die Einordnung als „weiches“ 9A durch Noah Wheeler am 14. Mai 2026.
- Wikipedia: Schwierigkeitsskala (Klettern).Die Fontainebleau-Skala als die beim Bouldern am weitesten verbreitete Skala, ihre Entwicklung im französischen Traditionsbouldergebiet Fontainebleau, die Unterscheidung zwischen Fb-Bloc für einzelne Boulder und Fb-Trav für Traversen sowie die Verbreitung der V-Skala in den Vereinigten Staaten.
- British Mountaineering Council: Indoor climbing grades explained.Die Zusammenfassung von Bouldern zu „Circuits“ — Gruppen gleichen Grades oder Bereiche über zwei bis drei Grade, oft an einer einzigen Griffarbe erkennbar; die Angabe, dass Hallengrade sich an den Skalen des Kletterns am Fels orientieren; sowie die Feststellung, dass Grade sowohl von der kletternden als auch von der schraubenden Person abhängen, sich kaum vereinheitlichen lassen und sich von Halle zu Halle meist, aber nicht zwingend ähnlich anfühlen.