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Chalkaholics

UIAA-Skala: Klettergrade in römischen Ziffern

Woher die UIAA-Skala kommt, warum sie einmal verkehrt herum lief, was die Grade I bis XI bedeuten und wieso der sechste Grad als Ende gedacht war.

Stand: 27. Juli 2026

Die älteste der fünf Skalen — und die einzige mit römischen Ziffern

Wenn dir an einer Wand ein „VII−“ begegnet oder im Topo einer Mehrseillängenroute ein „V+“ steht, liest du die UIAA-Skala. Sie ist nach dem internationalen Dachverband der Alpinvereine benannt, stammt aus dem Alpinismus und ist deutlich älter als das Sportklettern, in dem sie heute meist von der französischen Skala abgelöst wird.

Ihre Geschichte ist die Geschichte einer Skala, die dreimal für abgeschlossen erklärt und dreimal überklettert wurde. Wer das kennt, versteht auch, warum keine heutige Skala noch ein Ende hat.

Sie begann verkehrt herum — in den Wiener Hausbergen

Das erste bekannte Bewertungssystem im Klettern stammt von einem Österreicher. Fritz Benesch, geboren 1868 in Mißlitz in Mähren, promovierter Jurist und bis 1902 Bibliothekar an der Universität Wien, erschloss die Wiener Hausberge Rax und Schneeberg und veröffentlichte 1894 eine „vergleichsweise Rangeinteilung der Steige nach ihrer Schwierigkeit“.

Sie hatte sieben Stufen und lief in die entgegengesetzte Richtung: Stufe VII war die leichteste, Stufe I die schwerste. Das wirkt heute unlogisch, folgt aber der Denkweise einer Rangliste — Platz eins ist der höchste, nicht der niedrigste.

Der Haken zeigte sich sofort. Weil das Schwerste bereits Stufe I hieß, war nach oben kein Platz mehr. Als schwierigere Anstiege begangen wurden, musste die Skala über die Null hinaus verlängert werden: erst Stufe 0, dann 00. Diese damals äußersten Anstiege entsprechen heute etwa dem vierten bis fünften Grad nach UIAA — also dem, was in vielen Hallen im unteren Bereich hängt. Kein anderes Detail zeigt so deutlich, wie wenig ein Grad über die Route sagt und wie viel über die Zeit, in der er vergeben wurde.

Dülfer, Welzenbach und die Umkehrung

1913 stellte Hans Dülfer eine fünfstufige Skala vor, die ohne Ziffern auskam und die Schwierigkeit in Worten benannte: leicht, mittelschwer, schwer, sehr schwer, äußerst schwer. Auch sie hielt nicht lange — der Leistungssprung im Alpinismus erzwang eine Erweiterung nach oben.

1923 stellte Willo Welzenbach, deutscher Bergsteiger und Bauingenieur, eine neue sechsstufige Skala vor. Sein entscheidender Eingriff war weniger die Stufenzahl als die Richtung: Ab jetzt stand die größere Zahl für die schwerere Route. Was uns heute selbstverständlich vorkommt, ist eine Entscheidung von 1923.

Welzenbach selbst erlebte die Karriere seiner Skala nicht mehr. Er kam 1934 am Nanga Parbat ums Leben, im Alter von 34 Jahren.

Von der Alpenskala zur UIAA-Skala

1947 entstand in Chamonix eine sechsstufige Alpenskala, die sich international durchsetzte. Aus ihr wurde die offizielle Skala des Dachverbands — mit römischen Ziffern von I bis VI, ergänzt durch „+“ und „−“.

Beim Jahr dieser Umbenennung gehen die Quellen auseinander. Die UIAA schreibt auf ihrer eigenen Seite, die Welzenbach-Skala sei 1967 offiziell zur „UIAA-Skala“ geworden; die deutschsprachige Standarddarstellung nennt 1968. Ein Jahr Unterschied ändert an der Sache nichts, aber es ist ein gutes Beispiel dafür, wie es um die Quellenlage bei Klettergraden bestellt ist — und ein Grund, warum auf dieser Seite beide Angaben stehen statt einer.

Der sechste Grad war als Ende gedacht

Die Skala endete bei VI. Nicht, weil man es sich nicht anders hätte vorstellen können, sondern weil dieser Grad als die Grenze des Menschenmöglichen galt. Geöffnet wurde sie erst, nachdem Kletternde diese Grenze in der Praxis längst hinter sich gelassen hatten.

Auch hier widersprechen sich die Quellen. Die deutschsprachige Darstellung nennt die Jahre 1977 bis 1979 für die Öffnung nach oben; die englischsprachige Darstellung und die UIAA nennen 1978 für die Einführung des siebten Grades und 1985 für den Zeitpunkt, an dem die offene Skala förmlich angenommen wurde. Beide Fassungen beschreiben dieselbe Verzögerung: Die Kletterpraxis war zuerst da, die Skala kam hinterher.

Die UIAA selbst hält das Ergebnis dieser Erfahrung heute unmissverständlich fest: Ihre Seite führt die Grade bis XI und stellt in einem knappen Satz klar, dass die Skala offen ist. Vergleichstabellen führen inzwischen Grade bis XII+; bestätigt durch eine zweite Begehung ist an dieser Spitze bislang nichts.

Was die einzelnen Grade bedeuten

Anders als die französische Skala und das Yosemite Decimal System hat die UIAA-Skala ausformulierte Definitionen. Sie stammen aus dem Alpinismus und sprechen deshalb von Sicherungsabständen, Standplätzen und Ausgesetztheit — von Dingen also, die in einer Halle keine Rolle spielen.

GradBezeichnungWas ihn ausmacht
IGeringe SchwierigkeitenDie einfachste Form der Felskletterei, aber kein leichtes Gehgelände. Die Hände sind zur Unterstützung des Gleichgewichts nötig, Schwindelfreiheit bereits erforderlich; Anfänger müssen am Seil gesichert werden.
IIMäßige SchwierigkeitenFortbewegung mit einfachen Tritt- und Griffkombinationen. Hier beginnt die eigentliche Klettertechnik: die Drei-Haltepunkte-Technik.
IIIMittlere SchwierigkeitenAn ausgesetzten Stellen sind Zwischensicherungen empfehlenswert. Senkrechte Passagen oder gutgriffige Überhänge verlangen bereits Kraftaufwand.
IVGroße SchwierigkeitenErhebliche Klettererfahrung notwendig. Längere Kletterstellen erfordern meist mehrere Zwischensicherungen.
VSehr große SchwierigkeitenEine zunehmende Anzahl von Zwischensicherungen ist die Regel. Erhöhte Anforderungen an körperliche Voraussetzungen, Klettertechnik und Erfahrung. Lange hochalpine Routen in diesem Grad zählen zu den ganz großen Unternehmungen in den Alpen.
VIÜberaus große SchwierigkeitenÜberdurchschnittliches Können und guter Trainingsstand. Große Ausgesetztheit, oft kleine Standplätze; solche Passagen lassen sich in der Regel nur bei guten Bedingungen bewältigen.
VIIAußergewöhnliche SchwierigkeitenEin Grad, der ausdrücklich durch gesteigertes Training und verbesserte Ausrüstung erreicht wurde. Auch sehr gute Kletternde brauchen ein an die Gesteinsart angepasstes Training, um hier sturzfrei durchzukommen.
VIII und höherExtreme SchwierigkeitenAb hier ist laut Quelle „eine verbale Definition nicht möglich“. Es folgt nur noch eine weitere Steigerung dessen, was an Kletterkönnen sowie physischer und psychischer Leistungsfähigkeit verlangt wird.

Bemerkenswert ist, wo diese Beschreibungen aufhören. Bis VII lässt sich sagen, was einen Grad ausmacht; ab VIII steht in der Quelle nur noch, eine verbale Definition sei nicht möglich. Die Skala beschreibt also genau bis zu dem Punkt, an dem sie ursprünglich enden sollte — darüber zählt sie bloß noch weiter.

Römisch, arabisch, plus und minus

Die UIAA und die Alpenvereine schreiben ihre Grade in römischen Ziffern. Im Alltag und besonders in Hallen sind arabische Ziffern verbreitet: „7−“ statt „VII−“. Das ist keine andere Skala, sondern dieselbe in kürzerer Schreibweise.

Verfeinert wird mit „+“ und „−“, wobei die englischsprachige Darstellung anmerkt, dass diese Zusätze erst ab Grad III verwendet werden — im leichten Gelände wäre die Unterscheidung ohnehin bedeutungslos. Aus einer Ziffer werden so drei Stufen: VII−, VII, VII+. Liegt eine Route genau auf der Grenze, sind zusätzlich Zwischenwerte wie VII+/VIII− gebräuchlich.

Eine Verwechslung lohnt sich zu kennen: Auch die Sächsische Skala im Elbsandsteingebirge verwendet römische Ziffern, unterteilt ab Grad VII aber mit den Kleinbuchstaben a, b und c. Ein „VIIa“ ist deshalb kein UIAA-Grad, sondern eine Bewertung aus einem eigenen System mit eigenen Regeln.

Gröber als die französische Skala

Die UIAA-Skala ist nicht genauer als die anderen, an einigen Stellen sogar gröber: Es gibt Stufen der französischen Skala, denen die Vergleichstabellen keinen eigenen UIAA-Grad zuordnen. Ein Rechner, der dort trotzdem einen einzelnen Wert ausgibt, rundet — und verkauft eine Rundung als Ergebnis.

Der Umrechner auf dieser Seite nennt an solchen Stellen stattdessen beide Nachbargrade und zu jedem UIAA-Grad zusätzlich die arabische Schreibweise. Welcher Grad welchem entspricht, steht dort vollständig — im Klettergrad-Umrechner und bewusst nicht hier, weil zwei Tabellen zum selben Thema nur auseinanderlaufen können.

Wo dir die Skala heute begegnet

Verbreitet ist die UIAA-Skala vor allem in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Tschechien, der Slowakei und Ungarn. Ihr eigentliches Zuhause sind alpine Mehrseillängenrouten: Dort gibt sie die Kletterschwierigkeit einzelner Seillängen an, während die Bewertung der Gesamttour aus einem anderen System kommt.

Im Sportklettern verliert sie dagegen an Boden. Gebiete mit internationalem Publikum schreiben zusätzlich oder ausschließlich französisch an. Das hat einen historischen Kern: Die UIAA räumt auf ihrer eigenen Seite ein, dass die Einführung eigener nationaler Skalen eine Reaktion darauf war, dass sie die Entwicklung im Felsklettern zunächst nicht anerkannte. Der geschlossene sechste Grad hat den Systemen, die ihn ersetzten, den Weg bereitet.

Häufige Fragen

Was bedeuten Plus und Minus hinter einem UIAA-Grad?
Sie unterteilen den Grad feiner. Aus V wird so V−, V und V+, und die Skala bekommt dreimal so viele Stufen, ohne dass neue Ziffern nötig wären. Diese Feinabstufung gab es schon, als die Skala offiziell zur UIAA-Skala wurde. Zusätzlich sind Zwischenwerte wie VII+/VIII− gebräuchlich, wenn eine Route genau auf der Grenze zwischen zwei Stufen liegt.
Warum steht in meiner Halle „7−“ statt „VII−“?
Das ist dieselbe Skala in anderer Schreibweise. Die UIAA und die Alpenvereine führen ihre Grade in römischen Ziffern, im Alltag sind arabische Ziffern verbreitet, weil sie kürzer und leichter lesbar sind. VII− und 7− bezeichnen denselben Grad. Der Klettergrad-Umrechner auf dieser Seite zeigt zu jedem UIAA-Grad beide Schreibweisen an, damit die Zuordnung eindeutig bleibt.
Warum hörte die UIAA-Skala früher beim sechsten Grad auf?
Weil der sechste Grad als die Grenze des Menschenmöglichen galt. Die Skala war geschlossen angelegt und musste geöffnet werden, nachdem Kletternde diesen Grad in der Praxis längst überschritten hatten. Wann das geschah, geben die Quellen unterschiedlich an: Die deutschsprachige Darstellung nennt die Jahre 1977 bis 1979, die UIAA selbst und die englischsprachige Darstellung nennen 1978 für den siebten Grad und 1985 für die förmlich offene Skala. Einig sind sich alle darin, dass die Öffnung der Kletterpraxis hinterherlief.
Ist die UIAA-Skala genauer als die französische?
Nein, an manchen Stellen sogar gröber. In den Vergleichstabellen gibt es Stufen der französischen Skala, für die kein eigener UIAA-Grad ausgewiesen wird. Der Klettergrad-Umrechner zeigt dort deshalb keinen einzelnen Wert, sondern die beiden Nachbargrade. Das ist keine Schwäche des Rechners, sondern eine Eigenschaft der Skala: Eine Spanne behauptet genau so viel, wie die Tabelle hergibt.
Wo wird die UIAA-Skala heute noch verwendet?
Vor allem im deutschsprachigen und mitteleuropäischen Raum — genannt werden Deutschland, Österreich, die Schweiz, Tschechien, die Slowakei und Ungarn. Ihre eigentliche Heimat sind alpine Mehrseillängenrouten, wo sie die Kletterschwierigkeit einzelner Seillängen angibt. Im Sportklettern wird sie dagegen zunehmend durch die französische Skala ergänzt oder ersetzt, besonders in Gebieten mit internationalem Publikum.

Passt dazu

Trag ein, was an der Wand steht

Ob deine Halle römisch oder arabisch anschreibt, ändert nichts an deiner Leistung — aber es macht das Mitschreiben mühsam, wenn du jedes Mal umrechnest. In Chalkaholics trägst du den Grad ein, der an der Route steht, und siehst deinen Verlauf über Monate statt an einem Tag.

Quellen

Alle Zahlen auf dieser Seite stammen aus den folgenden Veröffentlichungen. Nichts davon ist geschätzt.

  1. UIAA: Rock Climbing — Grades and Standards.Dass die Welzenbach-Skala 1967 offiziell zur „UIAA-Skala“ wurde und damals aus den römischen Ziffern I bis VI mit „+“ und „−“ bestand; die auf der Seite geführten Grade I bis XI; die ausdrückliche Feststellung „The scale is open“; sowie die Einordnung, dass die Einführung eigener Skalen in anderen Ländern eine Reaktion darauf war, dass die UIAA die Entwicklung im Felsklettern zunächst nicht anerkannte.
  2. Wikipedia: Grade (climbing).Die Benesch-Skala von 1894 als erstes bekanntes Bewertungssystem; die Zusammenfassung und Umkehrung der Skala durch Welzenbach 1923; die Angabe, dass „+“ und „−“ erst ab Grad III verwendet werden; die Einführung des siebten Grades 1978 und die förmliche Annahme der nach oben offenen Skala 1985; die Verbreitung in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Tschechien, der Slowakei und Ungarn sowie in alpinen Routen; und die derzeit höchste Bewertung XII+ ohne bestätigte Wiederholung.
  3. Wikipedia: Schwierigkeitsskala (Klettern).Die sieben Stufen der Benesch-Skala und ihre umgekehrte Richtung (Stufe VII am leichtesten, Stufe I am schwersten); den Satz „Bald wurden noch schwierigere Anstiege begangen, die dann mit Stufe 0 und später mit 00 bewertet wurden (etwa IV–V nach UIAA)“; die 1947 in Chamonix entworfene sechsstufige Alpenskala und ihre Umbenennung in UIAA-Skala 1968; die Öffnung nach oben in den Jahren 1977 bis 1979; die Schreibweise in römischen oder arabischen Ziffern samt Zwischenstufen wie VII+/VIII−; die verbalen Bezeichnungen der Grade; die Verbreitung im Alpen- und westdeutschen Raum und die zunehmende Ergänzung durch die französische Skala; sowie die Sächsische Skala mit römischen Ziffern und den Zusätzen a, b und c ab Grad VII.
  4. Wikipedia: Fritz Benesch (Alpinist).Lebensdaten (geboren am 12. April 1868 in Mißlitz in Mähren, gestorben am 29. Juni 1949 in Wien); die Promotion zum Doktor der Rechte 1898 und die Tätigkeit als Bibliothekar an der Universität Wien bis 1902; die spätere Tätigkeit im Eisenbahnministerium und als Schriftleiter der Zeitschrift des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins von 1920 bis 1928; sein Arbeitsgebiet in den Wiener Hausbergen Rax und Schneeberg; sowie die Einführung der „vergleichsweisen Rangeinteilung der Steige nach ihrer Schwierigkeit“ im Jahr 1894.
  5. Wikipedia: Willo Welzenbach.Lebensdaten (geboren am 13. Oktober 1899 in München, gestorben Mitte Juli 1934 am Nanga Parbat) und den Beruf als Bauingenieur; den Satz „Hans Dülfer hatte 1913 eine fünfstufige Skala (leicht, mittelschwer, schwer, sehr schwer, äußerst schwer) vorgestellt“; sowie die Feststellung, dass der Leistungssprung im Alpinismus eine Erweiterung der Skala nach oben erzwang und Welzenbach 1923 eine neue sechsstufige Skala vorstellte.
  6. Schweizer Alpen-Club, Sektion Einsiedeln: Schwierigkeitsgrad Skala Klettern (PDF, 10. November 2017).Die ausformulierten Definitionen der UIAA-Grade I bis XI, aus denen die Tabelle auf dieser Seite stammt — darunter die Drei-Haltepunkte-Technik bei Grad II, die Einordnung langer hochalpiner Routen im Grad V, der Hinweis auf künstliche Kletterei (A1 bis A4) bei Grad VI, die Beschreibung von Grad VII als „ein durch gesteigertes Training und verbesserte Ausrüstung erreichter Schwierigkeitsgrad“ und der Satz „Eine verbale Definition ist hier nicht möglich“ ab Grad VIII. Die Schreibweise wurde von schweizerischer auf österreichische Rechtschreibung angeglichen (ss zu ß); an den Aussagen ändert das nichts.