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Chalkaholics

Klettergrade erklärt: alle Skalen im Überblick

UIAA, Französisch, YDS, Fontainebleau und V-Skala: woher die Systeme kommen, wie sie sich unterscheiden und warum Umrechnungen nur Näherungen sind.

Stand: 27. Juli 2026

Ein Grad ist eine Schätzung, kein Messwert

Am Anfang steht ein Vorschlag. Wer eine Route zuerst klettert, gibt ihr einen Grad — und liegt damit oft daneben, weil sie ihm liegt oder eben nicht. Verbindlich wird die Bewertung erst durch alle, die nachsteigen. Halten genug von ihnen den Vorschlag für zu hoch oder zu niedrig, wandert er. Klettergrade sind deshalb kein Messergebnis, sondern ein Aushandlungsergebnis.

Das erklärt auch, warum Diskussionen darüber nie aufhören. Die deutschsprachige Standarddarstellung hält ausdrücklich fest, dass Schwierigkeitsbewertungen immer subjektiv sind und Gegenstand von Diskussionen bleiben. Der britische Dachverband formuliert es für die Halle noch direkter: Ein Grad hängt sowohl von der kletternden als auch von der schraubenden Person ab und lässt sich kaum vereinheitlichen.

Wer das weiß, liest die Zahl anders. Sie taugt dafür, deinen eigenen Verlauf über Monate zu verfolgen und Routen in einer Halle grob einzuordnen. Sie taugt schlecht dafür, dich mit jemandem zu vergleichen, der in einem anderen Gebiet klettert.

Die fünf Skalen, die dir begegnen

Es gibt weltweit mehr Systeme, aber im Alltag reichen fünf. Zwei davon bewerten Boulder, drei bewerten Seilrouten — und diese Trennung ist die wichtigste Information auf dieser Seite. Boulder- und Seilkletterbewertungen lassen sich nicht ineinander umrechnen, weil sie unterschiedliche Dinge beschreiben: Ein Boulder besteht aus wenigen extrem schweren Zügen, eine Seillänge aus vielen leichteren hintereinander.

SkalaWofür und woSchreibweiseBeispiele
UIAASeilklettern, AlpenraumRömische Ziffern mit + und −VI, VII−, VIII+
FranzösischSportklettern, weltweitZahl mit kleinem Buchstaben und +5c, 6a+, 7b
Yosemite Decimal SystemSeilklettern, NordamerikaKlasse 5 mit Dezimalstelle, ab 5.10 mit a bis d5.9, 5.11c, 5.14a
FontainebleauBouldern, EuropaZahl mit großem Buchstaben und +6A, 7A+, 8B
V-SkalaBouldern, NordamerikaV mit fortlaufender ZahlV3, V6, V11

Die vollständigen Vergleichstabellen stehen bewusst nicht hier, sondern im Klettergrad-Umrechner — dort lassen sie sich direkt benutzen, statt zweimal dasselbe zu zeigen.

Woher die Skalen kommen

Alle fünf Systeme sind regional entstanden, jedes für ein bestimmtes Gebiet und eine bestimmte Art zu klettern. Niemand hat sie aufeinander abgestimmt. Genau daher rühren die Unstimmigkeiten, die heute jede Umrechnungstabelle plagen.

Alpenraum: von Benesch über Welzenbach zur UIAA

Das erste bekannte Bewertungssystem stammt von 1894. Der Österreicher Fritz Benesch führte es in seinem Raxführer ein, mit sieben Stufen — und zwar andersherum als heute: Die niedrigste Zahl stand für das Schwerste. 1923 drehte der deutsche Bergsteiger Willo Welzenbach die Reihenfolge um und fasste die Skala zusammen. Seitdem gilt, was uns selbstverständlich vorkommt: größere Zahl, schwerere Route.

Wenig später wurde diese Welzenbach-Skala offiziell zur UIAA-Skala, benannt nach dem internationalen Dachverband der Alpinvereine — die UIAA selbst nennt dafür das Jahr 1967, die deutschsprachige Darstellung 1968. Sie endete beim sechsten Grad — der galt als das, was menschenmöglich ist. Nach oben geöffnet wurde sie erst, nachdem Kletternde diesen Grad in der Praxis längst überschritten hatten. Wann genau, geben die Quellen unterschiedlich an: Die deutschsprachige Darstellung nennt die Jahre 1977 bis 1979, die englischsprachige das Jahr 1985. Einig sind sich alle darin, dass die Öffnung der Kletterpraxis hinterherlief und nicht umgekehrt. Heute führt die UIAA ihre Skala bis XI+ und hält ausdrücklich fest, dass sie oben offen bleibt.

Frankreich: Zahlen statt römischer Ziffern

Ende der 1980er-Jahre veröffentlichte der französische Führerautor François Labande eine Zahlenskala, die die römischen Ziffern der UIAA durch arabische ersetzte und mit den Kleinbuchstaben a, b und c sowie einem Plus feiner unterteilte. Diese Skala wuchs mit dem Sportklettern, das damals gerade zur eigenen Disziplin wurde, und setzte sich international durch — heute ist sie in europäischen Hallen und an Sportkletterfelsen das gebräuchlichste System.

Nordamerika: das Yosemite Decimal System

Der Sierra Club übernahm 1936 eine Einteilung in Klassen, bei der Klasse 5 für Gelände steht, das Seil und Sicherung erfordert. In den 1950er-Jahren unterteilten Royal Robbins, Don Wilson und Chuck Wilts diese fünfte Klasse in Dezimalstufen: 5.0, 5.1 und so weiter bis 5.9. Bekannt wurde das System als Yosemite Decimal System, obwohl es nicht im Yosemite entstand, sondern am Tahquitz Rock in Südkalifornien.

Die 5.9 war als Obergrenze gedacht — dieselbe Fehleinschätzung wie beim sechsten Grad der UIAA. Als Ausrüstung und Leistungsniveau stiegen, wurde die Skala ab 5.10 mit den Zusätzen a bis d weiterunterteilt. Anders als die europäischen Systeme kennt das YDS zusätzlich Angaben zur Absicherung: R und X, die 1980 von Jim Erickson eingeführt wurden, warnen vor Stürzen mit ernsten Folgen. Diese Information steckt in keiner der anderen vier Skalen.

Bouldern: Fontainebleau und die V-Skala

Im Wald von Fontainebleau südlich von Paris wird seit Jahrzehnten gebouldert, lange bevor Bouldern eine eigene Disziplin war. Die dortige Skala lässt sich bis mindestens 1960 zurückverfolgen. Ab Grad 6 unterteilt sie mit den Großbuchstaben A, B und C sowie einem Plus. Sie ist nach oben offen und reicht derzeit bis 9A.

Die V-Skala ist deutlich jünger. Der amerikanische Boulderpionier John „Verm“ Sherman veröffentlichte sie 1991 in seinem Kletterführer für Hueco Tanks in Texas. Sie beginnt bei VB und V0, zählt einfach aufwärts und steht derzeit bei V17. Ihr Kürzel V geht auf Shermans eigenen Spitznamen zurück.

Groß oder klein — daran hängen mehr als zwei Grade

Fontainebleau und die französische Sportkletterskala sind beide in Frankreich entstanden und benutzen dieselben Zahlen und Buchstaben. Unterschieden werden sie ausschließlich durch die Groß- und Kleinschreibung: 7A ist ein Boulder, 7a eine Seilroute. Wer das übersieht, verrechnet sich um mehr als zwei Grade — und zwar systematisch, nicht zufällig.

Das ist der häufigste Fehler beim Umrechnen von Klettergraden, und er passiert vor allem beim Abtippen aus Tabellen, in denen beide Systeme nebeneinanderstehen. Der Klettergrad-Umrechner auf dieser Seite lässt die Verwechslung gar nicht erst zu: Er trennt Bouldern und Seilklettern und rechnet nicht über diese Grenze hinweg.

Warum Umrechnungen Näherungen bleiben

Weil die Systeme unabhängig voneinander gewachsen sind, gibt es zwischen ihnen keinen Umrechnungskurs. Vergleichstabellen sind Näherungen; verschiedene Veröffentlichungen kommen zu Zuordnungen, die sich um mehrere Stufen unterscheiden können. Eine Tabelle, die für jeden Grad genau einen Gegenwert ausweist, täuscht eine Genauigkeit vor, die es nicht gibt.

Dazu kommt, dass die Skalen unterschiedlich fein gestuft sind. Fontainebleau kennt unterhalb von 7C Zwischenstufen, für die die V-Skala keine eigene Bewertung hat; ab 7C beziehungsweise V9 laufen beide praktisch gleich. Ehrlicher als ein gerundeter Wert ist an solchen Stellen eine Spanne — deshalb zeigt der Umrechner dort beide Nachbarwerte an, statt sich für einen zu entscheiden.

Halle und Fels sind zwei verschiedene Maßstäbe

Hallen benutzen dieselben Skalen wie der Fels: für Seilrouten die französische, fürs Bouldern Fontainebleau oder die V-Skala. Vergeben werden die Grade aber anders. Draußen entsteht die Bewertung über Jahre aus vielen Begehungen; in der Halle setzt sie die Person, die geschraubt hat, und die Route verschwindet nach ein paar Monaten wieder. Eine Korrektur durch die Allgemeinheit findet nicht statt.

Manche Hallen verzichten deshalb ganz auf Einzelgrade und sortieren ihre Boulder in farbige Gruppen, sogenannte Circuits, die jeweils eine Spanne abdecken. Das ist keine Vereinfachung für Anfänger, sondern die ehrlichere Angabe: Eine Spanne behauptet weniger, als sie halten kann.

Für dich heißt das vor allem eines: Ein Wechsel der Halle oder der Sprung an den Fels verschiebt deine gewohnten Zahlen, ohne dass sich an deiner Leistung etwas geändert hätte. Das ist kein Rückschritt, sondern ein anderer Maßstab.

Oben ist die Skala offen

Jede geschlossene Kletterskala wurde bisher überklettert — die Benesch-Skala, der sechste Grad der UIAA, die 5.9 des Yosemite Decimal System. Alle heute gebräuchlichen Systeme sind deshalb nach oben offen angelegt, und die UIAA hält das für ihre Skala ausdrücklich fest.

Derzeit liegt die höchste vergebene Bewertung im Seilklettern bei 9c, im Yosemite Decimal System 5.15d und nach UIAA XII+. Es handelt sich um eine Handvoll Routen, von denen bisher keine bestätigt wiederholt wurde — ein Grad ohne zweite Begehung ist streng genommen noch immer ein Vorschlag. Beim Bouldern steht die Spitze bei 9A beziehungsweise V17; den ersten Boulder mit dieser Bewertung gab es mit „Burden of Dreams“ im finnischen Lappnor.

Häufige Fragen

Welche Kletterskala ist die richtige?
Die, die dort verwendet wird, wo du kletterst. Im Alpenraum hängt an Seilrouten häufig die UIAA-Skala, im Sportklettern weltweit die französische, in Nordamerika das Yosemite Decimal System. Beim Bouldern ist Fontainebleau in Europa verbreitet und die V-Skala in Nordamerika. Keines der Systeme ist genauer als die anderen; sie sind unabhängig voneinander entstanden und beschreiben dieselbe Sache in unterschiedlicher Schreibweise.
Wer legt fest, welchen Grad eine Route hat?
Zuerst die Person, die sie erstbegangen hat — sie schlägt einen Grad vor. Verbindlich wird er erst durch die Kletternden, die nachsteigen: Hält die Mehrheit den Vorschlag für zu hoch oder zu niedrig, wird er nach oben oder unten korrigiert. Ein Klettergrad ist deshalb eine Konsensschätzung und kein Messwert. In der Halle entscheidet stattdessen die Person, die die Route geschraubt hat, und niemand korrigiert sie.
Sind Font 7A und französisch 7a dasselbe?
Nein. Fontainebleau bewertet Boulder und schreibt den Buchstaben groß, die französische Sportkletterskala bewertet Seilrouten und schreibt ihn klein. Die beiden Systeme messen unterschiedliche Dinge und liegen an dieser Stelle mehr als zwei Grade auseinander. Weil Boulder- und Seilkletterskalen sich grundsätzlich nicht gleichsetzen lassen, trennt der Klettergrad-Umrechner beide Disziplinen und lässt eine Umrechnung dazwischen gar nicht zu.
Wie genau sind Umrechnungstabellen zwischen den Skalen?
Sie sind Annäherungen. Verschiedene Veröffentlichungen kommen zu unterschiedlichen Zuordnungen, die sich um mehrere Stufen unterscheiden können. Bei den Boulderskalen ist die Lage etwas klarer: Fontainebleau und V-Skala stimmen ab 7C beziehungsweise V9 genau überein, darunter ist Fontainebleau feiner gestuft und einzelne Stufen haben in der V-Skala keine Entsprechung.
Warum hört keine Skala oben auf?
Weil jede geschlossene Skala irgendwann überklettert wurde. Die UIAA-Skala endete ursprünglich beim sechsten Grad und musste geöffnet werden, nachdem Kletternde diesen Grad in der Praxis überschritten hatten. Alle heute gebräuchlichen Systeme sind deshalb nach oben offen. Aktuell liegt die höchste vergebene Bewertung im Seilklettern bei 9c beziehungsweise 5.15d und beim Bouldern bei 9A beziehungsweise V17.

Passt dazu

Deine Grade über die Jahre statt an einem Tag

Ein einzelner Grad sagt wenig — die Entwicklung über Monate sagt viel. In Chalkaholics trägst du deine Begehungen in der Skala ein, die deine Halle verwendet, und siehst deine Grad-Pyramide und deinen Verlauf, unabhängig davon, welches System dahintersteht.

Quellen

Alle Zahlen auf dieser Seite stammen aus den folgenden Veröffentlichungen. Nichts davon ist geschätzt.

  1. UIAA: Rock Climbing — Grades and Standards.Dass die Welzenbach-Skala 1967 offiziell zur UIAA-Skala wurde, die Schreibweise in römischen Ziffern von I bis XI+ mit + und −, die Beschreibung der einzelnen Grade sowie die Feststellung, dass die Skala nach oben offen bleibt.
  2. Wikipedia: Grade (climbing).Die Benesch-Skala von 1894 als erstes bekanntes Bewertungssystem, die Umkehrung durch Willo Welzenbach 1923, die Veröffentlichung der französischen Zahlenskala durch den Führerautor François Labande Ende der 1980er-Jahre, das Verfahren aus Vorschlag des Erstbegehers und Korrektur durch den Konsens, den Hinweis, dass Umrechnungstabellen nur richtungsweisend sind und sich zwischen Fassungen um mehrere Stufen unterscheiden können, sowie die derzeit höchsten Bewertungen 9c, 5.15d und XII+ ohne bestätigte Wiederholung.
  3. Wikipedia: Grade (bouldering).Die Veröffentlichung der V-Skala 1991 durch John „Verm“ Sherman im Kletterführer für Hueco Tanks, den Beginn bei VB und V0 und die offene Skala bis V17, die Rückverfolgung der Fontainebleau-Skala bis mindestens 1960 und ihre Großbuchstaben ab Grad 6, die genaue Übereinstimmung beider Skalen ab 7C beziehungsweise V9, die Feststellung, dass Boulder- und Seilkletterbewertungen sich nicht gleichsetzen lassen, sowie „Burden of Dreams“ als ersten Boulder mit 9A.
  4. Wikipedia: Yosemite Decimal System.Die Übernahme eines Zahlensystems durch den Sierra Club 1936, die Unterteilung der fünften Klasse in Dezimalstufen durch Royal Robbins, Don Wilson und Chuck Wilts am Tahquitz Rock in den 1950er-Jahren, den Namen trotz der Herkunft aus Tahquitz statt Yosemite, die spätere Unterteilung ab 5.10 in a bis d sowie die Absicherungszusätze R und X, die 1980 von Jim Erickson eingeführt wurden.
  5. Wikipedia: Schwierigkeitsskala (Klettern).Fritz Benesch und seinen Raxführer, die Umkehrung der Bewertungsrichtung durch Welzenbach, die 1947 in Chamonix entworfene Alpenskala und ihre Umbenennung in UIAA-Skala im Jahr 1968, die Angabe der Jahre 1977 bis 1979 für die Öffnung der UIAA-Skala nach oben sowie die Feststellung, dass Schwierigkeitsbewertungen subjektiv und Gegenstand von Diskussionen sind.
  6. British Mountaineering Council: Indoor climbing grades explained.Dass Hallen für Seilrouten die französische Skala und fürs Bouldern Fontainebleau oder die V-Skala verwenden, die Einteilung in farbige Boulder-Circuits und den Hinweis, dass Grade sowohl von den Kletternden als auch von den Schraubenden abhängen und sich schwer vereinheitlichen lassen.