Französische Kletterskala: 6a, 7b+ und was die Buchstaben bedeuten
Wie die französische Skala aufgebaut ist, warum es kein Minus gibt, woher sie kommt und wieso 6a und 6A zwei verschiedene Skalen sind.
Stand: 27. Juli 2026
Die Skala, die in den meisten Hallen hängt
„6b+“, „7a“, „8c“ — wenn an einer Route eine arabische Ziffer mit einem kleinen Buchstaben dahinter steht, liest du die französische Skala. Sie ist die jüngste der drei überregional gebräuchlichen Seilkletterskalen, in Europa die vorherrschende und weltweit eine der beiden meistverwendeten.
Bemerkenswert daran ist, wie schnell das ging. Die UIAA-Skala brauchte von ihren Anfängen bis zur offiziellen Anerkennung mehr als siebzig Jahre. Die französische Skala entstand in den 1980er Jahren, nebenbei, in Kletterführern — und hatte binnen einer Generation die Hallen erobert.
Zahl, Buchstabe, Plus — und sonst nichts
Der Aufbau ist in einem Satz erklärt: eine arabische Ziffer für den groben Bereich, ein kleiner Buchstabe a, b oder c für die Stufe darin, optional ein „+“ für die halbe Stufe darüber. Daraus ergibt sich eine feste Reihenfolge: 6a, 6a+, 6b, 6b+, 6c, 6c+ — und dann beginnt mit 7a die nächste Zahl.
Sechs Stufen je Ziffer sind doppelt so viele, wie die UIAA-Skala mit ihren drei Abstufungen pro Grad anbietet. Genau darin liegt der Grund, warum sich die französische Skala im Sportklettern durchgesetzt hat: Wo eng nebeneinander geschraubte Routen bewertet werden müssen, braucht es feine Stufen. Für eine alpine Mehrseillängenroute, deren Schwierigkeit ohnehin über die Länge schwankt, wäre diese Feinheit Genauigkeitsvortäuschung.
Nach unten reicht die Skala laut der englischsprachigen Darstellung bis zur Ziffer 1. In Vergleichstabellen und im Hallenalltag taucht sie allerdings meist erst dort auf, wo die Buchstaben anfangen — darunter liegt Gelände, das kaum jemand mehr bewertet.
Es gibt kein Minus — und das hat Folgen
Ein Detail, das im Alltag ständig auffällt und selten erklärt wird: Die französische Skala kennt nur die Aufwertung mit „+“, aber keine Abwertung mit „−“. Es gibt 7a+, es gibt kein 7a−. Die UIAA-Skala verwendet beides.
Das klingt nach einer Formalie, verändert aber, wie Grade vergeben werden. Wer eine Route für etwas zu leicht für ihren Grad hält, hat keine Schreibweise dafür — er muss sie eine ganze Stufe tiefer einordnen oder beim vollen Grad bleiben. Zweifelsfälle rutschen deshalb systematisch in eine der beiden Richtungen, und genau daher kommt ein guter Teil der endlosen Diskussionen darüber, ob eine Route „weich“ oder „hart“ bewertet sei.
Sie entstand, weil die UIAA-Skala nicht mehr reichte
Anfang der 1980er Jahre tauchte die neue Bewertung in französischen Kletterführern auf. Zunächst war sie gar keine eigene Skala, sondern eine Notlösung: Man behielt die römischen Ziffern der UIAA-Skala bei und hängte einen Buchstaben an — VIa, VIb. Andere Führer schrieben gleich arabisch: 6a, 6b.
Der Anlass war derselbe wie schon bei Benesch und Welzenbach Jahrzehnte zuvor. Das Sportklettern brachte Routen hervor, für die die bestehenden Stufen zu grob waren, und eine Skala, die nur mit „+“ und „−“ verfeinern kann, stößt irgendwann an ihre Grenze. Der Unterschied zu 1923: Diesmal wurde die Skala nicht verlängert, sondern feiner unterteilt.
François Labande und die arabischen Ziffern
Ordnung in dieses Nebeneinander brachte gegen Ende der 1980er Jahre François Labande. Er war ein französischer Bergsteiger und Führerautor, geboren 1941 in Toulon, von Haus aus Ingenieur und Mathematiklehrer, und übernahm 1987 von Lucien Devies die Herausgabe des Guide Vallot — der Standardführer zum Mont Blanc und zum Haut-Dauphiné. Zwischen 1980 und 2006 veröffentlichte er zahlreiche Kletter-, Ski- und Wanderführer.
Labande stellte die französische Skala in der Form vor, die heute verwendet wird: römische Ziffern dauerhaft durch arabische ersetzt und der Wert 6a an die Stelle von VI+ gesetzt. Dieser eine Ankerpunkt ist der Grund, warum sich beide Skalen überhaupt ineinander übersetzen lassen.
Ganz überzeugt war er davon offenbar selbst nicht. Wenige Jahre später verwendete er in seinem Dauphiné-Führer wieder römische Ziffern — V+, VIa, VIb — und ließ dabei ausdrücklich offen, wie sich VIa und 6a zueinander verhalten. Durchgesetzt hat sich trotzdem die arabische Fassung; sie wird bis heute an der UIAA-Skala ausgerichtet.
Labande blieb dem Gebirge auch außerhalb der Führer verbunden: Er gründete den französischen Zweig von Mountain Wilderness und stand ihm von 1995 bis 2002 vor; 1999 wurde er zum Ritter der Ehrenlegion ernannt. Er starb im März 2025 in La Salle-les-Alpes.
Warum die Umrechnung trotzdem nicht sauber aufgeht
Ein einziger Ankerpunkt hält zwei Skalen nur dort zusammen, wo er gesetzt wurde. Darüber laufen sie auseinander, weil sie unterschiedlich fein gestuft sind: Die eine bietet sechs Stufen je Ziffer, die andere drei. Was unten noch als saubere Entsprechung begann, wird oben zu einer Zuordnung, bei der es Stufen der einen Skala gibt, für die die andere keinen eigenen Grad ausweist.
Deshalb steht hier keine Vergleichstabelle. Welcher französische Grad welchem UIAA-Grad und welchem Wert im Yosemite Decimal System entspricht, steht vollständig im Klettergrad-Umrechner — dort, wo die Lücken auch als Lücken angezeigt werden und nicht auf einen Nachbarwert gerundet.
Drei Verwechslungen, die immer wieder passieren
Groß- und Kleinschreibung. 6a und 6A sehen fast gleich aus und gehören zu verschiedenen Skalen. Klein ist die französische Sportkletterskala, groß die Fontainebleau-Skala fürs Bouldern. Der Unterschied ist keine Feinheit: Ein Font-Grad liegt erheblich höher, als dieselbe Zeichenfolge im Seilklettern erwarten lässt. Um das eindeutig zu machen, ist zusätzlich das kleine Präfix „f“ gebräuchlich — f6a+ —, während Boulder mit „F“ oder „fb“ ausgezeichnet werden.
Die französische Alpinskala. Frankreich hat ein zweites, völlig anderes Bewertungssystem, das ebenfalls „französisch“ heißt. Es besteht aus Buchstabenkürzeln und bewertet nicht die Klettertechnik, sondern die Unternehmung als Ganzes: Länge, technische Schwierigkeit, Ausgesetztheit und Verpflichtungsgrad.
| Kürzel | Französisch | Bedeutung |
|---|---|---|
| F | facile | leicht |
| PD | peu difficile | wenig schwierig |
| AD | assez difficile | ziemlich schwierig |
| D | difficile | schwierig |
| TD | très difficile | sehr schwierig |
| ED | extrêmement difficile | äußerst schwierig |
Auch diese Skala wurde überklettert: Verfeinert wird mit „+“ und „−“, und die oberste Stufe ist inzwischen in ED1, ED2, ED3 und weiter durchnummeriert. Eine Tour kann gleichzeitig ein Alpinkürzel und einen Zahlengrad tragen — das eine sagt, worauf du dich einlässt, das andere, wie schwer die schwerste Seillänge ist.
Die britischen E-Grade. Im Vereinigten Königreich stehen an Routen Angaben wie „E4 6a“. Der hintere Teil ist ein britischer Technikgrad und nicht der französische — ein weiterer Grund für das kleine „f“, wenn Eindeutigkeit gefragt ist.
Sie bewertet nur die Bewegung, nicht das Risiko
Die französische Skala misst ausschließlich die klettertechnische Schwierigkeit. Wie weit die Haken auseinanderliegen, wie hart ein Sturz ausfällt oder wie ernst die Situation im Fall eines Fehlers wird, geht nicht in den Grad ein. Das ist keine Nachlässigkeit, sondern passt zu der Kletterei, für die die Skala gemacht wurde: vorab eingebohrtes Sportklettern, bei dem die Absicherung als gegeben gilt.
Genau hier unterscheidet sie sich vom Yosemite Decimal System und noch deutlicher von den britischen E-Graden, die das Risiko mitbewerten. Wer eine französische Zahl liest, erfährt, wie schwer die Bewegungen sind — und nichts darüber, was passiert, wenn sie misslingen.
Nach oben offen: 9c
Anders als die UIAA-Skala musste die französische nie geöffnet werden — sie war es von Anfang an. Der derzeit höchste vergebene Grad ist 9c. Er steht an einer einzigen Route: Silence, 45 Meter lang, in der Hanshelleren-Höhle bei Flatanger in Norwegen. Adam Ondra durchstieg sie am 3. September 2017 als Erster frei, nach rund 40 Klettertagen über sieben Aufenthalte hinweg.
Bis Juli 2026 ist sie unwiederholt geblieben. Zwei Kletterer sind bislang der Schlüsselstelle beigekommen — Stefano Ghisolfi im Mai 2024 und Will Bosi im Mai 2026 —, die vollständige Route aber niemand außer Ondra. Ein Grad, den bislang genau eine Person an genau einer Route bestätigt hat, ist damit weniger eine Stufe als ein Vorschlag: Er gilt, bis ihn eine zweite Begehung bestätigt oder korrigiert.
Wo dir die Skala heute begegnet
In Europa praktisch überall im Sportklettern, in vielen Hallen ausschließlich, und weltweit als eine der beiden gängigsten Skalen neben dem Yosemite Decimal System. Auch im deutschsprachigen Raum, der Heimat der UIAA-Skala, wird beim Sportklettern immer häufiger zusätzlich französisch angeschrieben.
Praktisch heißt das: Du wirst beide Schreibweisen sehen — dieselbe Halle kann an der Wand französisch anschreiben und im Routenbuch UIAA-Grade führen. Wichtig ist nur, dass du weißt, welche Skala du gerade liest, und dass du sie beim Mitschreiben nicht durcheinander wirfst.
Häufige Fragen
- Was bedeuten die Buchstaben a, b und c?
- Sie unterteilen eine Zahl in drei Stufen: 6a ist leichter als 6b, 6b leichter als 6c. Zusammen mit dem „+“ ergeben sich sechs Stufen je Zahl — 6a, 6a+, 6b, 6b+, 6c, 6c+ —, bevor mit 7a die nächste Zahl beginnt. Die Buchstaben stehen klein. Großbuchstaben wie 6A gehören zur Fontainebleau-Skala fürs Bouldern und bezeichnen etwas anderes.
- Warum gibt es 6a+, aber kein 6a−?
- Weil die französische Skala nur die Aufwertung mit „+“ kennt und keine Abwertung mit „−“. Das ist der auffälligste Unterschied zur UIAA-Skala, die beides verwendet. Praktisch heißt das: Wer eine Route für etwas zu leicht für ihren Grad hält, kann das im Grad nicht ausdrücken — er müsste sie eine Stufe tiefer einordnen.
- Ist ein französisches 6a dasselbe wie ein Font-6A?
- Nein, und die Verwechslung ist folgenreich. Die französische Sportkletterskala schreibt klein (6a), die Fontainebleau-Skala fürs Bouldern groß (6A). Sie messen unterschiedliche Dinge auf unterschiedlichen Leitern; ein Font-Grad liegt deutlich höher, als die gleiche Zeichenfolge im Seilklettern vermuten lässt. Der Klettergrad-Umrechner auf dieser Seite führt Bouldern und Seilklettern deshalb in zwei getrennten Tabellen, zwischen denen sich gar nicht umrechnen lässt.
- Was ist der Unterschied zwischen 6a und AD?
- Das sind zwei verschiedene französische Systeme. Die Zahlen-Buchstaben-Grade wie 6a bewerten die klettertechnische Schwierigkeit einer Route oder Seillänge. Die Kürzel F, PD, AD, D, TD und ED bewerten eine alpine Unternehmung als Ganzes — Länge, Ausgesetztheit, Ernsthaftigkeit und Verpflichtungsgrad. Eine Tour kann also gleichzeitig ein AD und ein 5c tragen, ohne dass sich das widerspricht.
- Wie weit geht die Skala nach oben?
- Sie ist nach oben offen. Der derzeit höchste vergebene Grad ist 9c, vorgeschlagen von Adam Ondra für die Route Silence in der Hanshelleren-Höhle bei Flatanger in Norwegen, die er am 3. September 2017 als Erster frei durchstieg. Wiederholt wurde sie bis Juli 2026 nicht; einzelne Kletternde haben bislang nur die Schlüsselstelle nachgeklettert.
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Ob deine Halle französisch oder in UIAA-Graden anschreibt, ist für deinen Fortschritt gleichgültig — solange du nicht bei jedem Eintrag im Kopf umrechnest. In Chalkaholics trägst du den Grad ein, der an der Route steht, und siehst deinen Verlauf über Monate statt an einem Tag.
Quellen
Alle Zahlen auf dieser Seite stammen aus den folgenden Veröffentlichungen. Nichts davon ist geschätzt.
- UIAA: Rock Climbing — Grades and Standards.Dass die französische Skala Anfang der 1980er Jahre in französischen Führern aufkam und dort zunächst noch römische Ziffern mit angehängtem Buchstaben verwendet wurden (VIa, VIb) oder alternativ arabische Ziffern (6a, 6b); dass François Labande gegen Ende der 1980er Jahre die französische Skala vorstellte, die römischen Ziffern dauerhaft durch arabische ersetzte und den Wert 6a an die Stelle von VI+ setzte; dass Labande wenige Jahre später in seinem Dauphiné-Führer wieder römische Ziffern verwendete, die Zuordnung zwischen VIa und 6a dabei aber offenließ; und die Feststellung, dass die französische Skala heute nahezu ausschließlich in ihrer arabischen Fassung verwendet und an der UIAA-Skala ausgerichtet wird.
- Wikipedia: Grade (climbing).Den Aufbau aus arabischer Ziffer, den Buchstaben a, b und c sowie dem Zeichen „+“ zur weiteren Verfeinerung; die Einordnung, dass die französische Skala anders als das Yosemite Decimal System ausschließlich die klettertechnische Schwierigkeit bewertet und das Sicherungsrisiko unberücksichtigt lässt, was zum vorab eingebohrten Sportklettern passt; die Verbreitung als in Europa vorherrschende und weltweit eine der gängigsten Skalen; das kleingeschriebene Präfix „f“ (f6a+) zur Abgrenzung von den britischen E-Graden und die Abgrenzung zum groß geschriebenen „F“ beziehungsweise „fb“ der Fontainebleau-Boulderskala samt dem Hinweis, dass Fb 6C+ eher f7c entspricht; die Kürzel der französischen Alpinskala F, PD, AD, D, TD und ED mit ihren Bedeutungen, ihre Bewertung der Gesamtschwierigkeit aus Länge, technischer Schwierigkeit, Ausgesetztheit und Verpflichtungsgrad sowie die Erweiterungen mit „+“, „−“ und den Nummern ED1, ED2, ED3.
- Wikipedia: Schwierigkeitsskala (Klettern).Die Angabe der französischen Skala in indisch-arabischen Ziffern mit jeweils einem Buchstaben a, b oder c; den Satz „Wie in der UIAA-Skala sind Zwischenwerte und Aufwertung mit ‚+‘ möglich, jedoch keine Abwertung mit ‚−‘“; die Einordnung der französischen Skala, der UIAA-Skala und des Yosemite Decimal System als die drei überregional gebräuchlichen Skalen; sowie die Feststellung, dass die früher vor allem im Alpen- und westdeutschen Raum verwendete UIAA-Skala beim Sportklettern immer häufiger durch die französische Bewertung ergänzt wird.
- Wikipedia: François Labande.Lebensdaten (geboren am 11. Mai 1941 in Toulon, gestorben am 20. März 2025 in La Salle-les-Alpes); den Abschluss an der Ingenieurschule Supélec im Jahr 1963 und die Tätigkeit als Mathematiklehrer; die Nachfolge von Lucien Devies als Herausgeber des Guide Vallot im Jahr 1987 samt der Führer zum Mont Blanc und zum Haut-Dauphiné; die Veröffentlichung zahlreicher Kletter-, Ski- und Wanderführer zwischen 1980 und 2006; die Gründung des französischen Zweigs von Mountain Wilderness und dessen Vorsitz von 1995 bis 2002; sowie die Ernennung zum Ritter der Ehrenlegion 1999.
- Wikipedia: Silence (climb).Die erste freie Begehung durch Adam Ondra am 3. September 2017; die Lage der 45 Meter langen Sportkletterroute in der Hanshelleren-Höhle in der Gemeinde Flatanger in Norwegen; die Bewertung 9c als erste jemals in diesem Grad vorgeschlagene Route; den Arbeitsaufwand von rund 40 Klettertagen über sieben Aufenthalte hinweg; sowie den Umstand, dass die Route bis Juli 2026 unwiederholt ist und bislang nur die Schlüsselstelle nachgeklettert wurde — durch Stefano Ghisolfi im Mai 2024 und durch Will Bosi im Mai 2026.