Onsight, Flash und Rotpunkt: die Begehungsstile
Was Onsight, Flash, Rotpunkt, Pinkpoint und Headpoint genau bedeuten, woher der rote Punkt kommt und warum drei getrennte Zahlen mehr sagen als eine.
Stand: 27. Juli 2026
Der Grad sagt wie schwer, der Stil sagt wie
Zwei Leute klettern dieselbe 7a. Die eine steigt ein, ohne die Route zu kennen, und kommt im ersten Versuch durch. Der andere hat sie über drei Wochen ausgearbeitet, jeden Zug einzeln geübt und schafft sie im achtzehnten Anlauf. Beide haben 7a geklettert — und trotzdem etwas völlig Verschiedenes getan.
Genau dafür gibt es Begehungsstile. Sie halten fest, unter welchen Bedingungen eine Begehung zustande kam, und machen aus einer Zahl eine Aussage. Wer sie im Logbuch nicht trennt, addiert später Dinge, die nicht dasselbe messen.
Die Begriffe der Reihe nach
- Onsight — Erster Versuch, keine Vorabinformation
- Du steigst ein, ohne zu wissen, wo die Griffe sind, und kommst ohne Sturz und ohne Hängen durch.
- Flash — Erster Versuch, mit Vorabinformation
- Alles wie beim Onsight, aber du kennst die Beta: Jemand hat sie dir erzählt, du hast ein Video gesehen oder jemandem zugeschaut.
- Rotpunkt — Vorstieg ohne Sturz, beliebig viele Versuche vorher
- Du darfst die Route vorher üben, ausbouldern und abseilen. Zählen tut nur der Durchgang, der von unten bis oben ohne Sturz und ohne Ruhen am Seil gelingt.
- Pinkpoint — Wie Rotpunkt, aber mit vorgehängten Exen
- Die Expressschlingen hängen bereits in den Bohrhaken, du klinkst im Vorbeisteigen nur noch ein.
- Headpoint — Vorstieg nach Übung im Toprope
- Vor allem beim Klettern mit mobiler Absicherung: Die Route wird erst im Toprope geübt und dann vorgestiegen.
- Toprope — Seil läuft von oben
- Kein Vorstieg und damit keine Rotpunktbegehung — der Begriff Rotpunkt ist ausdrücklich für den Vorstieg definiert.
Onsight, Flash und Rotpunkt sind die drei, die im Alltag zählen. Pinkpoint und Headpoint begegnen dir vor allem in Berichten über Erstbegehungen und beim Klettern mit mobiler Absicherung.
Woher der rote Punkt kommt
Der Begriff ist deutsch und ziemlich genau datierbar. Kurt Albert (1954–2010) besuchte 1973 die Sächsische Schweiz, wo seit Ende des 19. Jahrhunderts frei geklettert wurde — also ohne sich an Haken hochzuziehen oder in Trittschlingen zu stellen. Zurück im Nördlichen Frankenjura begann er, die dortigen technisch begangenen Routen frei zu klettern.
Ab 1975 markierte er jede Route, die ihm frei gelungen war, mit einem roten Punkt am Einstieg. Die erste war der Adolf-Rott-Gedächtnis-Weg am Streitberger Schild, bis dahin eine Route mit technischen Hilfsmitteln. Seine Definition ist bis heute die gültige: der sturz- und ruhefreie Vorstieg einer Route nur an natürlichen Griffen und Tritten.
Aus dem roten Punkt wurde international „redpoint“ — einer der wenigen Fälle, in denen ein deutscher Kletterbegriff die englische Fachsprache geprägt hat und nicht umgekehrt.
Die Regel, die Rotpunkt streng macht
Rotpunkt erlaubt beliebig viele Versuche — aber jeder Versuch beginnt bei null. Stürzt du oder hängst du dich ins Seil, ist der Durchgang beendet. Für einen gültigen Rotpunkt musst du zurück zum Einstieg, das Seil aus der Route ziehen und von unten neu anfangen.
Das klingt kleinlich, ist aber der ganze Punkt. Ohne diese Regel wäre jede Route irgendwann „geklettert“, wenn man sie nur oft genug in Abschnitten abarbeitet. Mit ihr bleibt eine Aussage übrig, die etwas bedeutet: Diese Route ist dir am Stück gelungen.
Warum du drei Zahlen führen solltest statt einer
Dein Onsightniveau, dein Flashniveau und dein Rotpunktniveau sind drei verschiedene Werte, und sie entwickeln sich unterschiedlich. Das Rotpunktniveau steigt mit Kraft und Ausdauer, das Onsightniveau vor allem damit, wie gut du unbekannte Züge im Vorbeigehen liest und wie ruhig du in unklaren Situationen bleibst. Wer nur den höchsten Grad notiert, sieht diese beiden Entwicklungen nie getrennt.
Wie weit die Werte auseinanderliegen, sagt dir keine Faustregel verlässlich. Die im Umlauf befindlichen Angaben halten einer Prüfung nicht stand — der Abstand hängt an Routenlänge, Gebiet und daran, wie viel Erfahrung du im Vorstieg an unbekannten Routen hast. Belastbar wird die Zahl nur für dich selbst, und nur wenn du beide Stile über längere Zeit getrennt mitschreibst.
Häufige Fragen
- Was ist der Unterschied zwischen Onsight und Flash?
- Nur die Information. Beide bedeuten: erster Versuch, ohne Sturz, ohne Hängen im Seil. Beim Onsight weißt du nichts über die Route, beim Flash kennst du die Beta — weil dir jemand die Züge erklärt hat, du ein Video gesehen oder jemandem beim Klettern zugeschaut hast. Sobald diese Information vorliegt, ist ein Onsight nicht mehr möglich, egal wie souverän der Durchgang aussieht.
- Woher kommt der Begriff Rotpunkt?
- Von Kurt Albert. Er kletterte ab 1975 im Nördlichen Frankenjura Routen frei, die bis dahin mit technischen Hilfsmitteln begangen wurden, und markierte jede geschaffte Route mit einem roten Punkt am Einstieg. Die erste war der Adolf-Rott-Gedächtnis-Weg am Streitberger Schild. Seine Definition: der sturz- und ruhefreie Vorstieg einer Route nur an natürlichen Griffen und Tritten. Aus dem deutschen Wort wurde international „redpoint“.
- Zählt eine Begehung noch als Rotpunkt, wenn ich einmal gestürzt bin?
- Nein. Nach einem Sturz oder nachdem du im Seil gehangen hast, ist der Versuch beendet. Für einen Rotpunktdurchgang musst du zurück zum Einstieg, das Seil aus der Route ziehen und von unten neu beginnen. Genau diese Regel unterscheidet Rotpunkt vom bloßen Durchsteigen einer Route mit Pausen im Seil.
- Ist Toprope-Klettern weniger wert?
- Es ist etwas anderes, nicht weniger wert. Rotpunkt ist ausdrücklich für den Vorstieg definiert, deshalb ist eine Toprope-Begehung keine Rotpunktbegehung. Für Training, für den Einstieg und für Routen, in denen du gerade Züge lernst, ist Toprope trotzdem sinnvoll. Wichtig ist nur, beides im Logbuch nicht zu vermischen — sonst vergleichst du später Zahlen, die nicht dasselbe messen.
- Wie viel schwerer ist mein Rotpunktgrad als mein Onsightgrad?
- Dazu gibt es keine belastbare allgemeine Zahl, und diese Seite nennt deshalb auch keine. Dass der Abstand existiert, ist unstrittig: Rotpunkt erlaubt beliebig viele Versuche, Onsight keinen einzigen. Wie groß er bei dir ist, hängt von Routenlänge, Gebiet und davon ab, wie gut du unbekannte Züge liest. Verlässlich wird die Zahl erst, wenn du beide Stile über längere Zeit getrennt mitschreibst.
Passt dazu
Flashes getrennt zählen statt alles in einen Topf
In Chalkaholics werden Flashes in deiner Statistik gesondert ausgewiesen — Woche, Monat und Jahr zeigen dir also nicht nur, wie viel du geklettert bist, sondern wie viel davon im ersten Versuch gelungen ist.
Quellen
Alle Zahlen auf dieser Seite stammen aus den folgenden Veröffentlichungen. Nichts davon ist geschätzt.
- Wikipedia: Redpoint (climbing).Die Definition des Rotpunkt als freie Begehung im Vorstieg, bei der Ausrüstung nur der Sicherung dient, die Abgrenzung von Onsight, Flash, Pinkpoint und Headpoint, die Regel, dass nach einem Sturz oder Hängen im Seil vom Einstieg neu begonnen werden muss, sowie Kurt Alberts Prägung des Begriffs Mitte der 1970er-Jahre im Frankenjura und die Erstbegehung des Adolf-Rott-Gedächtnis-Wegs (V+/A1) am Streitberger Schild 1975.
- Wikipedia: Kurt Albert (Bergsteiger).Alberts Lebensdaten, seinen Besuch in der Sächsischen Schweiz 1973, wo bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts frei geklettert wurde, die Markierung frei begangener Touren mit einem roten Punkt ab 1975 sowie seine Definition des Rotpunktkletterns als sturz- und ruhefreien Vorstieg nur an natürlichen Griffen und Tritten.
- Wikipedia: Onsight.Die Definition des Onsight als Begehung im ersten Versuch ohne vorherige Beta und die Abgrenzung zum Flash, bei dem Beta vorliegt, sowie die Definition von Beta als Information darüber, wie eine Route zu klettern oder abzusichern ist.